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Der Urbayer – Wo wir (Bayern) abstammen

Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass der Freistaat einst von einem bunten Völkergemisch besiedelt wurde.

Nein, aufs Bierbrauen haben sich die ersten Siedler der Region, die wir heute Altbayern nennen – also Oberbayern, Niederbayern und die Oberpfalz – noch nicht verstanden. Doch eine andere moderne Leibspeise scheint schon in prähistorischer Zeit eine Rolle gespielt zu haben: die Schweinshaxe. In einem Grab aus der Zeit um 5500 vor Christus wurden bei Landshut neben dem Skelett einer Frau auch die Haxe eines Schweins gefunden. Ob als Brotzeit auf ihrer letzten Reise oder aus kultischen Zwecken, ist unbekannt.

Doch Funde aus dieser Zeit, also der Jungsteinzeit, sind bei Weitem nicht die ältesten Spuren von Menschen in weißblauen Gefilden. „Die ersten Funde von Steinwerkzeugen, zum Beispiel Faustkeilen aus Bayern datieren aus dem Paläolithikum (Altsteinzeit, Anm. der Red.), sind bis zu 250.000 Jahre alt und werden dem Homo erectus zugewiesen. „Die Funde stammen häufig aus Höhlen“, sagt Jochen Haberstroh vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.

Diese Menschen waren – bis zum Beginn der Jungsteinzeit – nicht sesshaft. Vor allem das Angebot an jagbaren Tieren und die Jahreszeiten trieben sie von Wohnplatz zu Wohnplatz. Erst ab ungefähr 5700 vor Christus lassen sich die Menschen allmählich nieder, gründen Siedlungen, meist in Lößlandschaften, zum Beispiel an der östlichen Donau und an der Unteren Isar zwischen Freising und der Mündung in die Donau. Siedlungsspuren wurden aber auch im oberen Würmtal bei Gauting und Buchendorf gefunden.

Vorangegangen waren turbulente Zeiten. Die Römer hatten den Süden Bayerns von kurz vor Christi Geburt bis ins 5. Jahrhundert beherrscht. Schon im 3. Jahrhundert waren germanische Gruppen – Alemannen und Juthungen – eingefallen und hatten römische Bastionen zerstört. Von den Römern blieben nur wenige, vor allem Veteranen, die Rom ins Land geschickt hatte. Was danach nördlich und südlich der Donau geschah war Gegenstand vieler Forschungen.

Das multikulturelle Volk bekam auch schon bald einen Namen: Bajuwaren. Jochen Haberstroh: „Von Bajuwaren sprechen die antiken Schriftquellen seit der Mitte des 6. Jahrhundertes nach Christus.“ Der erste sichere Beleg stammt von Venatius Fortunatus, einem aus Rom stammenden Schriftsteller. Er berichtet um 576 von seiner Reise über die Alpen im Jahre 565 und beschreibt dabei, wie er vom Inn kommend die „Baivaria“ am Lech durchquerte.

An anderer Stelle benennt er einen Baiovarius, der bei St. Afra nahe Augsburg die Straßen nach Süden und weiter über die Alpen kontrollierte und dabei dem Reisenden „hindernd“ in den Weg treten konnte. Schon damals hatten die Bayern also eine gewisse Abneigung gegen Zuagroaste. Venantius Fortunatus liefert mit seiner Beschreibung die erste konkrete Lokalisierung der Baiern.

Schon kurz zuvor, genau ab 548, hatten die Bajuwaren auch ihren ersten Führer. Garibald (500-593 n. Chr.) wurde vom in Regensburg regierenden fränkischen König Theudebald zum ersten Herzog der Bajuwaren ernannt, zum fürstlichen Urbayern sozusagen.

Die Urbayern lebten in einer streng hierarchisch gegliederten Gesellschaft. Haas-Gebhard: „Es gab den Herzog und darunter fünf große, einflussreiche Familien. Es gab freie Bürger und Unfreie.“

Wie und von was unsere Vorfahren lebten, beschreibt Jochen Haberstroh: „Es handelt sich um eine stark agrarisch geprägte Gesellschaft, deren Haus und Hofformen sich nicht allzu sehr von denjenigen des späteren Mittelalters und der frühen Neuzeit unterschieden. Die mehrteiligen und oft durch Zäune abgegrenzten Hofstellen waren in Holzbauweise errichtet. Daneben gab es eingetiefte Werkhütten. Bald nach 600 entstehen die ersten Kirchengebäude.“

Zahlreich sind die Funde an Begräbnisstätten. Allein aus der Zeit bis zum siebten Jahrhundert sind rund 10.000 Gräber bekannt. Die Funde aus ihnen lassen laut Haas-Gebhard folgende Schlüsse zu: „Die Kleidung war – trotz des Völker-Mixes sehr einheitlich. Und: Der Schmuck zeugt von einem regen Fernhandel. Wir haben Granate aus Indien und Elfenbein aus Afrika gefunden.“ Viele Gräber ab der Mitte des 7. Jahrhunderts weisen keine Grabbeigaben mehr auf – ein Beweis dafür, dass der Verstorbene bereits Christ war.“

Das Ende des Herzogtums der Bajuwaren wird ins 8. Jahrhundert datiert, als das Reich Herzog Tassilos des III. gewaltsam in das Frankenreich Karls des Großen einverleibt wurde. Doch der Stamm der Bayern lebt noch heute.

Quelle: https://www.welt.de/print/wams/muenchen/article134380214/Gesucht-Urbayer.html

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