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Liberalitas Bavariae – Leben und leben lassen

Die Liberalitas Bavariae, auch Liberalitas Bavarica, gilt als der oberste Leitsatz in Bayern.

Dieser lateinische Begriff meint drei Dinge: Die Freiheit von Bayern, die bayerische Freigebigkeit und die freiheitliche Gesinnung der Bayern. Liberalitas Bavariae steht vor allem für Weltoffenheit, Toleranz und Großherzigkeit, für das „Leben und leben lassen“.

Freilich, die Liberalitas Bavariae ist ein schillernder Begriff, erst recht mit Blick auf die Kultur des Rauchens, die in Bayern bisher ein breites Fundament hatte. Zweifellos sind viele große Werke der Literatur, der Musik und der Kunst vom Tabakgenuss inspiriert worden. Und dass große Politik oft in verrauchten Hinterzimmern gemacht wurde, das beschrieb Lion Feuchtwanger in seinem phänomenalen Bayernroman „Erfolg“ in zeitloser Gültigkeit. Wie sehr sich das Rauchen und die Liberalitas Bavariae bedingten, das zeigt auch ein Blick auf den früheren Reichstagsabgeordneten Georg Eisenberger aus Ruhpolding.

Eisenberger, ein begnadeter Parlamentsredner, fuhr in den 1920er-Jahren in seiner Bauerntracht zum Regieren nach Berlin. Wie er in seinem Tagebuch festhielt, saß er in einem Erste-Klasse-Abteil, zusammen mit zwei feinen Damen, die einigermaßen düpiert reagierten, als sich der Bauer mit seinem Rucksack zu ihnen gesellte. Eisenberger war deren hochnäsiger Blicke bald überdrüssig und zündete sich seine Pfeife an. Der Tabak war „a bissl stark“, gab er zu.

Als ihn die Begleiterinnen fragten, wie lange er zu rauchen gedenke, sagte er: die ganze Nacht. Sofort riefen die Damen den Schaffner, er solle den Fahrgast kontrollieren, der sei falsch ins Erste-Klasse-Abteil eingestiegen. Eisenberger aber sah, als eine der Damen ihr Riechfläschchen aus dem Täschlein zog, dass diese selber nur ein Billett zweiter Klasse besaß, was er dem Schaffner auch kundtat. Alsbald hockte der Abgeordnete allein im Abteil, drückte die Pfeife aus und schlief selig ein.

Die Geschichte zeigt durchaus mögliche Abgründe der Liberalitas Bavariae, selbst wenn sie im Sinne Eisenbergers als „Leben und leben lassen“ verstanden wird. Eigentlich beinhaltet sie lauter Tugenden, für die sich der Bayer gerne rühmt, Toleranz, Großzügigkeit, Freundlichkeit. Deshalb wird die Liberalitas Bavariae auch so oft strapaziert. Und doch steckt etwas ganz anderes dahinter.

Der Begriff wurde wohl im frühen 18. Jahrhundert im oberbayerischen Kloster Polling erfunden. Jedenfalls steht über dem Hauptportal vor der Stiftskirche in Versalien geschrieben: „Liberalitas Bavarica“ (nicht „Bavariae“).In der Fachliteratur wird die Ikonologie des Portals so erklärt, dass Liberalitas hier die Freigebigkeit der bayerischen Herrscher zum Ausdruck bringt, die den Bestand des Klosters sicherten.

Im weitesten Sinne steckt also der Gedanke des Sponsorings hinter dem großen Wort Liberalitas Bavarica. Erst viel später wurde daraus eine Art bayerische Ideologie gestrickt, die nun wegen des Rauchverbots angeblich in Gefahr ist.

Vor allem der königstreue Autor Georg Lohmeier wollte mit der Umwandlung des Wortes Bavarica in Bavariae einen bayerischen Stammescharakter definieren, der sich am Klischee orientierte und bis hin zum Tatbestand der Gemütlichkeit reichen sollte.

Quelle: http://www.sueddeutsche.de

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