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Süddeutsche Zeitung berichtet über Bodenmais

Bodenmais will die Weißwurst ehren, dürfen die das überhaupt? Schließlich soll sie doch in München erfunden worden sein? Das ficht die Niederbayern nicht an. Sie tun es einfach

Kolumne von Jacqueline Lang

Die Erfindung der Weißwurst geht, wenn man der Legende denn glauben darf, auf das Jahr 1857 zurück: Damals soll der Münchner Wirt Joseph Moser aus der Not heraus Schweinedärme mit Kalbsbrät gefüllt haben. Die Weißwurst war geboren. Doch erst seit zwei Jahren wird der 22. Februar als der Tag der Weißwurst gefeiert – ausgerufen von der Metzgerinnung Arberland im Bayerischen Wald.

Dürfen die Niederbayern das überhaupt? Das fragen sich manche Münchner. Zum 150. Jubiläum gab es schon einmal Bestrebungen, dem Weißwurst-Moser auf dem Viktualienmarkt, also im Herzen der Stadt, ein Denkmal zu setzen. Damals wurde dieses Ansinnen aber von der Stadt mit der Begründung abgelehnt, es lasse sich nicht zweifelsfrei beweisen, dass der Moser auch wirklich der Erfinder gewesen sei. Nicht einmal ein Fest wollten die Münchner gemeinsam mit den niederbayerischen Weißwurstfreunden im Wirtshaus Donisl am Marienplatz zu Ehren der Wurst feiern.

Nach dem Prinzip “Wer nicht will, der hat schon” hat Stefan Einsle, der Innungsobermeister aus dem Arberland, jetzt einfach Fakten geschaffen. Man wolle keineswegs leugnen, dass die Weißwurst in München erfunden wurde, sagt er. Und weiter: “Die Weißwurst ist weltweit bekannt und ist Bestandteil der bayerischen Kultur. Den Erfinder der bekanntesten Speise Bayerns zu ehren und zu würdigen, war uns ein Bedürfnis.”

Deshalb eröffnet er in Bodenmais an diesem Freitag das “Weißwurststüberl Moser Sepp”. Das Stüberl befindet sich in der “Königlichen Weißwurstschule Bayerischer Wald”, also der Metzgerei Einsle höchstselbst. Zur Feier kommt Weißwurstkönigin Lena I., dass eine Delegation aus München anreist, ist eher unwahrscheinlich. Die Niederbayern klauen sich die Münchner Weißwurst – das erinnert stark an den neudeutschen Begriff “cultural appropriation”. Davon könnte man zum Beispiel sprechen, wenn sich der Niederbayer Einsle auf dem Feuerwehrfasching einen Turban aufsetzen oder das Gesicht schwarz anmalen würde – kann man machen, ist aber letztlich geklaut. Den Menschen in Bodenmais dürfte das egal sein: Sie haben sich den Moser Sepp einfach einverleibt, wenn man das mal so sagen darf. Na dann, Prost Mahlzeit!

Quelle: Süddeutsche Zeitung

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